Die Glorreichen Sieben

Lust auf einen gemütlichen Home-Kinoabend mit einem aussergewöhnlichen Filmerlebnis? Schauspieler und Regisseur Kristian Kiehling, bekannt aus der Kult-BBC-Serie "EastEnders" und zahlreichen ZDF-Filmproduktionen, präsentiert exklusiv im Stilpalast wahre Fimperlen bzw. -geheimtipps, die du unbedingt mal gesehen haben solltest.

Kristian Kiehlings Intro

Heute findet man gute Filme nicht mehr nur im Kino. Wir suchen und finden Filme auf verschiedenen Plattformen – im sogenannten "Internet der Dinge", wo es scheinbar alles zu haben gibt. Wirklich alles? 

Allzu oft lassen die Algorithmen der Suchmaschinen lediglich eine limitierte, um nicht zu sagen beschränkte Auswahl an Werken der Filmgeschichte zu. Wo findet man also noch wirkliche Kino-Schätze? Diese "Geheimtipps", die einem in schlaflosen Nächten von kauzigen, Brille tragenden Eigenbrödlern unbestimmten Alters mit einem vertraulichen "Den MUSS man sehen!" über die Theke geschoben wurden, als es an jeder Strassenecke noch Videotheken gab?

Vielleicht war es genau diese persönliche, ehrliche Empfehlung; vielleicht war es das Mit(-)teilen eines Geheimnisses, das diese Filme zu echten Perlen machte? Es ging in diesen Momenten nämlich um nichts anderes, als um die bedingungslose Liebe zum Film. Ich möchte dir nachfolgend einige solcher Filme vorstellen:

1. "Tampopo" von Juzo Itami (Japan 1987)

Man kennt das Kino als ein rein audiovisuelles Vergnügen, aber dieser Film ist viel mehr. "Goro" (der japanischer Jason Robards) ist der einsahme Reiter mit Cowboyhut und Zigarrette. "Gun" ist sein junger Sideckick . Die beiden Milch - Trucker retten die alleinstehende selbstständige Gastwirtin "Tampopo" vor einer Bande Schwerenöter. Dann versammeln sie auf ihr Bitten ”die glorreichen Sieben" und helfen mit ,aus Tampopos Suppenküche das beste RAMEN-Lokal der Stadt zu machen. 

Auf der Suche nach dem perfekten Rezept zieht der Film alle Register: Vom ersten Mahl an der Mutterbrust bis zum Leichenschmaus, vom ersten Soft-Eis bis zum besten oralen Orgasmus der Filmgeschichte. Wir sehen wie eine Auster schmeckt und fühlen Zahnschmerzen; wir bitten vor dem Verzehr das Schwein um Verzeihung ("wir sehen uns ja bald wieder") und finden heraus, wie es sich zugetragen haben könnte, dass George H.W. Bush nicht an seiner Butterbrezel erstickt ist und warum alte Ladies der Alptraum eines Delikatessen-Besitzers sind.

Dieser Film ist erotisch und poetisch. Er ist herrlich albern und macht verdammt hungrig auf ehrliches Essen, auf die Liebe und auf wahre Freundschaft, wie es sie nur in einem Western geben kann.

 

"Nous ne vielllirons pas ensemble" von Maurice Pialat (FRA 1972)

Ein Mann, “Jean“ ( gespielt vom grossartigen Jean Janne) und eine Frau “Catherine“ (die ikonische Marlene Jobert) suchen in ihrer sechs Jahre währenden Beziehung die Möglichkeit der Liebe und finden am Ende zu sich selbst. Dieser Film ist das minutiöse Protokoll einer Liebe in Momenten. Wer Marcel Prousts “A la Recherche de temps perdu “ zu schätzen weiss, der wird diesen Film lieben.

Wenn “Jean“ und “Catherine” in der Schlusssequenz des Films im Meer schwimmen und das "Adam and Eve"-Duett aus Haydns “Creation” erklingt, dann entsteht ein wirklich wahrhafter Film-Moment wie man ihn auf der grossen Leinwand sehr selten zu sehen bekommt. Maurice Pialat sagt über seine Arbeit:” … man muss so nah wie möglich an die Wahrheit jedes Moments kommen und dieser Moment ist in Wirklichkeit immer derselbe; und er besteht aus den einfachsten Gefühlen … “

 

3. "Mein Essen mit Andre" von Louis Malle (FRA/USA 1982)

Wie alle grossen Werke des Kinos passt auch dieser Film in keine Kategorie. Wally, ein erfolgloser Autor und  Andre, ein gefragter Theaterregisseur, treffen sich nach Jahren wieder in einem New Yorker Restaurant und reden für zwei Stunden. Diese denkbar einfache Anordnung ist die Flamme, die das Haus anzündet. "Mein Essen mit Adre" ist die vielleicht liebevollste und sicher exakteste künstlerische Interpretation eines Gesprächs zwischen zwei Menschen. Louis Malle hat jeden Kamerawinkel millimetergenau geplant. Und der mit satirischen Untertönen gespickte Dialog ist so präzise und liebevoll gearbeitet wie ein Schweizer Uhrwerk.

Die Unterhaltung mäandert von trivialen zu existentiellen Themen und so geht es am Ende wie in jeder guten Unterhaltung um nichts weniger als den Sinn des Lebens. Wir werden so Zeugen des eigentümlichen Vorganges der menschlichen Kommunikation und deren Auswirkungen: Am Ende ist Wally nicht mehr derselbe Mensch der er war, als er das Restaurant betreten hat.

 

4. "Odd Man Out" von Carol Reed (UK 1947)

Bei Film Noir denkt man zuerst an Amerika und Billy Wilder, dabei hat Carol Reed mit "Odd Man Out" vielleicht den besten und sicher schwärzesten Film Noir in Grossbritanien gedreht. Der unerreichte James Mason spielt Johnny, einen Irischen Freiheitskämpfer, dem nach Jahren in Gefangenschaft ein Banküberfall misslingt und für dessen Planung Johnny im Verlaufe des Films durch eine nächtliche Stadt gejagt wird.

Das irische Belfast im Winter wirkt hier wie der Fiebertraum eines Sterbenden, bevölkert von messerscharf gezeichneten Charakteren à la Charles Dickens. In dieser Nachkriegswelt ist die Moral auf den Kopf gestellt und das wahre Mitleid kennt nur der Tod.

5. "Aaltra" von Gustave de Kervern and Benoit Delepine (BEL 2004)

Das Genre der sogenannten "Roadmovies" lebt von merkwürdigen Begegnungen, verrückten Charakteren und noch seltsameren Fortbewegungsarten. "Aaltra" allerdings ist die Krönung dieses Genres: Ben ist ein frustrierter Städter auf dem Land , Gus ein griesgrämiger Landwirt und sein Nachbar – ihre abgründige Feindschaft führt vom Showdown auf dem Feld über ein Doppelzimmer im Krankenhaus bis zu dem Besteigen des denkbar ungünstigsten Vehikels für einen Roadtrip.

Am Ende wartet: Aki Kaurismäki, der finnische Kult-Regisseur, vor dem sich dieser Film in einer ziemlich schamlosen Hommage verneigt und der es sich nicht verkneifen konnte , seine eigene grimmige Mine zu machen zu diesem trockenen belgischen Humor, der es durchaus mit den nördlichsten Regionen Europas aufnehmen kann.

 

6. "Urga" von Nikita Mikhalkov (RUS 1991)

Der Zusammenprall unserer westlichen Welt mit der asiatischen Kultur wurde nirgends so denkwürdig interpretiert wie von Nikita Mikhalkov in diesem Meisterwerk. Gombo lebt mit seiner Familie das nicht ganz einfache Leben der mongolischen Nomaden, als er plötzlich und unerwartet dem in diesen endlosen Weiten hilflos verlorenen russischen Trucker Sergei das Leben retten muss und ihn folglich selbstverständlich als Ehrengast in seiner Jurte aufnimmt. 

In Sergeis Augen sind seine primitiven Gastgeber ebenso verstörend wie er für sie wiederum barbarisch erscheint. Erst die völkerverständigende Wirkung des Alkohols bewirkt eine langsame Annäherung. Als Gombo von seiner Frau in die Stadt geschickt wird, um Verhütungsmittel zu kaufen, stellt sich dieses Vorhaben als wahre Prüfung für den Mann heraus. Der Konflikt der Kulturen erfährt seinen Höhepunkt mit der Manifestation eines Fernsehers in der mongolischen Steppe; die Auswirkungen dieser Phalanx unserer westlichen Kultur sollte uns allen zu denken geben.

 

7. "Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling" von Kim Ki Duk (KOR 2003)

Denkst du, dass das Medium Film neben der Literatur nicht bestehen kann? Dann musst du diesen Film sehen. Er spielt auf einem schwimmenden Haus in der Mitte eines kleinen Sees. Und in diesem kleinen Universum spielt sich das ganze Leben ab – mit all seinen Facetten von Glaube, Liebe, Hoffnung, Strafe und Vergebung, Tod und Wiederauferstehung. Noch nie habe ich die Natur der Dinge so tief in einem Film erfahren.

Der Film stellt unsere oberflächlich-mystischen Begriffe von fernöstlicher Weisheit auf die Probe, indem er uns einlädt, die Welt aus der Perspektive eines Findelkindes, das von einem Mönch auf der Mitte des Sees grossgezogen wird, als Mikrokosmos zu erleben. Frei nach Shakespeare erleben wir die verschiedenen Alter des Menschen über den Tod hinaus bis zu seiner Wiedergeburt. Kim Ki Duk gelingt es dabei mit seiner unglaublichen Bildsprache, ein Erlebnis zu schaffen, das nicht wie ein Manifest von Weisheiten und Moral daherkommt, sondern uns wie bei einem guten Buch ein eigenes Erleben erlaubt. Es gibt keine erklärenden Dialoge, keine Botschaften, keine Wertungen und somit fordert der Film von uns Zuschauern eine andere Art der Aufmerksamkeit, eine andere Art von Wachsamkeit, ein anderes Sehen. Der Regisseur Andrej Tarkovsky hat in seinem Buch "Die Versiegelte Zeit" geschrieben: "Meiner Meinung nach war die Kunst immer eine Waffe im Kampf des Menschen gegen die Materie, die seinen Geist zu verschlingen droht…".