Es ist ein Thema, das so intim wie gesellschaftlich brisant ist: Die Geburtenrate in der Schweiz hat mit 1,29 Kindern pro Frau ein Rekordtief erreicht. Beim diesjährigen Fachkongress «Cada Circle» in Zürich diskutierten führende Expertinnen und Experten exklusiv darüber, warum die Fruchtbarkeit sinkt – und warum der unerfüllte Kinderwunsch längst kein reines Frauenthema mehr sein darf.
Kinderwunschklinik Cada Fertility Wer die Räumlichkeiten der modernen Kinderwunschklinik Cada Fertility im Zürcher Seefeld betritt, vergisst schnell den typisch sterilen Spitalgeruch. Das Ambiente erinnert vielmehr an ein ästhetisches Boutique-Hotel oder ein High-End-Spa – hell, einladend und zentriert auf das Wohlbefinden. Doch so stilvoll die Kulisse auch sein mag, der Anlass des Austauschs war von grosser Dringlichkeit: Die erste globale WHO-Leitlinie zur Infertilität zeigt, dass mittlerweile jedes sechste Paar weltweit und in der Schweiz von Unfruchtbarkeit betroffen ist.

«Wir stehen politisch erst am Anfang dieser Debatte», erklärt Dr. med. Maddalena Masciocchi, Klinikleiterin und Reproduktionsmedizinerin bei Cada. Als Hauptredner des Abends gab Prof. Samir Hamamah – einer der prominentesten europäischen Reproduktionsmediziner und Architekt des französischen «Grand Plan» gegen Infertilität für Präsident Macron – einen Einblick in die internationale Fertilitätskrise. Die Botschaft ist klar: Die sinkende Geburtenrate betrifft uns alle, denn ohne Zuwanderung schrumpft jede Generation und setzt unsere Renten- und Gesundheitssysteme massiv unter Druck.
Das biologische Timing in der Rushhour des Lebens
Warum bekommen wir immer weniger Kinder? Die Ursachen sind vielschichtig, doch ein grosser Treiber ist gesellschaftlicher Natur: Schweizerinnen und Schweizer verschieben die Familiengründung immer weiter nach hinten – oft bis weit über das 30. Lebensjahr hinaus. Das Durchschnittsalter von Erstgebärenden liegt in der Schweiz mittlerweile bei über 31 Jahren, Tendenz steigend.
Es ist die klassische Rushhour des Lebens: Frauen investieren in ihre höhere Ausbildung, etablieren sich erfolgreich im Berufsleben und partizipieren stark am Arbeitsmarkt. Gleichzeitig machen hohe Lebenshaltungskosten für Wohnraum, teure Kitaplätze und die Herausforderung der Vereinbarkeit von Familie und Karriere grössere Familien zu einer finanziellen Mutprobe.
«Als Klinik sehen wir täglich, wie viele Frauen zu uns kommen mit dem Gefühl, dass ihre biologische Uhr gegen sie arbeitet», so Dr. Masciocchi. Ihre Forderung: Aufklärung über die eigene Fruchtbarkeit und frühzeitige Diagnostik müssen in unserer Gesellschaft viel selbstverständlicher und enttabuisiert werden – ganz ohne moralischen oder gesellschaftlichen Druck auszuüben. Moderne Optionen wie Social Freezing (das vorsorgliche Einfrieren von Eizellen) entwickeln sich hierbei immer mehr zu einem Tool der weiblichen Selbstbestimmung.

Der blinde Fleck: Warum auch die Männer im Fokus stehen
Ein grosser Meilenstein des Kongresses war das Aufbrechen eines hartnäckigen Klischees: Wenn es mit dem Baby nicht klappt, wird die Ursache im gesellschaftlichen Diskurs noch immer primär bei der Frau gesucht. Ein fataler Trugschluss.
«In unserer täglichen Arbeit sehen wir, dass der männliche Faktor in etwa der Hälfte aller Kinderwunschfälle eine Rolle spielt», betont Dr. Noémie Lautenbach vom Andrologie Zentrum Zürich. Bei 40 bis 50 Prozent der infertilen Paare liegt die Ursache (auch) auf der männlichen Seite.

Zwar gaben die Expertinnen anhand neuerer Schweizer Vergleichsstudien (u.a. der LoCoMo-Kohorte) Entwarnung, dass die Spermienqualität von Schweizer Rekruten im historischen Vergleich der letzten 20 Jahre im Durchschnitt statistisch stabil geblieben ist. Dennoch beeinträchtigen moderne Lifestyle-Faktoren die männliche Fruchtbarkeit nachweislich. Übergewicht, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Stress, Rauchen und Alkoholkonsum sowie Umweltbelastungen durch Mikroplastik oder Pestizide mindern die Chancen auf eine Schwangerschaft. Sogar eine dauerhaft erhöhte Hodentemperatur – verursacht durch stundenlanges Sitzen im Büro oder Wärmeexposition – kann die Spermien belasten.
Vom Tabu zur Zuversicht: Zeit für ein neues Ökosystem
Die wichtigste Erkenntnis des Events: Fruchtbarkeit ist kein Schicksal, dem man hilflos ausgeliefert ist, und vor allem keine Einzelleistung. Die Medizin setzt heute auf ein stufenweises, hochgradig personalisiertes Therapiemanagement. Das beginnt bei Lifestyle-Optimierungen und gezielter Aufklärung, geht über sanfte hormonelle Unterstützung (IUI) bis hin zur klassischen künstlichen Befruchtung (IVF), unterstützt durch modernste digitale Tools und transparente Prozesse.
Damit Paare auf diesem oft emotionalen Weg optimal aufgefangen werden, braucht es ein eng verzahntes Netzwerk. «Bessere Versorgung in unserem Fachgebiet entsteht nur, wenn medizinische Praxis, Wissenschaft, Versicherer und Pharmaindustrie miteinander statt nebeneinander arbeiten», resümiert Dr. Maddalena Masciocchi mit Blick auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Partnern wie der Krankenkasse Helsana oder Pharma-Unternehmen wie Labatec und Merck.
Der Kinderwunsch im Jahr 2026 ist kein stilles Frauenthema mehr, das man hinter verschlossenen Türen bespricht. Es ist ein modernes Lifestyle- und Gesundheitstopic, das Frauen und Männer gleichermassen angeht und über das wir endlich offen, informiert und ohne Scham sprechen sollten.

Bildcredits/Fotografin: Barbara Müller