Warum immer mehr Unternehmen Verantwortung neu definieren und eine Zürcher Hotelgruppe zeigt, wie gesellschaftlicher Wandel tatsächlich funktioniert

Vor nicht allzu langer Zeit galt wirtschaftlicher Erfolg als die wichtigste Kennzahl eines Unternehmens. Umsatz, Wachstum und Rendite bestimmten, ob eine Geschäftsidee funktionierte. Heute hat sich diese Perspektive verändert. Kundinnen und Kunden möchten wissen, welche Werte hinter einer Marke stehen. Mitarbeitende suchen Arbeitgeber, die Verantwortung übernehmen. Junge Talente fragen nicht mehr nur nach Karrierechancen, sondern nach Sinn.

Aus dieser Entwicklung ist ein neues Verständnis von Unternehmertum entstanden. International spricht man von Purpose Economy oder Social Entrepreneurship. Gemeint sind Unternehmen, die wirtschaftlichen Erfolg nicht als Selbstzweck verstehen, sondern als Voraussetzung, um gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.

Was vielerorts noch als Zukunftsmodell diskutiert wird, wird in Zürich seit 25 Jahren gelebt.

Feiern den Auftakt zum Jubiläumsjahr der Hotelgruppe Sinn & Gewinn: Co-Direktorin Verena Kern Nyberg, Präsidentin Irène Meier, Patti Basler, Co-Direktorin Anja Kramarz (v.l.) – Bild Credits: ZVG

Als ein Hotel mehr sein wollte als ein Hotel

Im Jahr 2001 eröffnete im Zürcher Seefeld das Frauenhotel LADY’s FIRST. Damals sorgte das Konzept schweizweit für Aufmerksamkeit. Ein Hotel nur für Frauen war ungewöhnlich. Noch aussergewöhnlicher war jedoch die Idee dahinter.

Das Haus war von Anfang an nicht nur Hotel, sondern Integrationsbetrieb. Frauen mit erschwerten Voraussetzungen erhielten hier die Möglichkeit, im Gastgewerbe Fuss zu fassen und neue berufliche Perspektiven zu entwickeln. Die Gründerinnen wollten beweisen, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung keine Gegensätze sind.

Ein Vierteljahrhundert später ist aus dieser Vision die Sinn & Gewinn Hotels AG entstanden. Heute gehören mehrere Hotels in Zürich sowie ein Haus in Lausanne zur Gruppe. Ein weiterer Standort in Basel befindet sich bereits in der Umsetzung. Gleichzeitig bleibt die ursprüngliche Idee unverändert aktuell. Wirtschaftlicher Erfolg soll immer auch gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.

Hotel Alma – Bild Credits: ZVG
Hotel Josephine – Bild Credits: ZVG
Hotel Marta – Bild Credits: ZVG

Erfolg bedeutet nicht immer maximale Rendite

Viele Unternehmen sprechen heute über Nachhaltigkeit. Oft geht es dabei um CO₂ Bilanzen, Energieeffizienz oder Kreislaufwirtschaft. Ebenso entscheidend ist jedoch eine andere Frage. Was geschieht mit dem erwirtschafteten Gewinn?

Bei den Sinn & Gewinn Hotels lautet die Antwort seit 25 Jahren konsequent gleich. Sämtliche Gewinne bleiben im Unternehmen.

Sie werden in Arbeitsplätze investiert, in Ausbildungsprogramme für Frauen, in Supported Employment und Supported Education sowie in geschützten Wohnraum für Frauen in schwierigen Lebenssituationen. Gleichzeitig sichern sie den langfristigen Erhalt der Hotelimmobilien und deren soziale Zweckbestimmung. Der wirtschaftliche Erfolg schafft somit unmittelbar gesellschaftliche Wirkung.

Gerade in einer Zeit, in der viele Unternehmen ihren gesellschaftlichen Beitrag neu definieren, wirkt dieses Modell erstaunlich modern.

Warum Vielfalt längst zum Wirtschaftsfaktor geworden ist

Lange galt Diversität vor allem als gesellschaftspolitisches Thema. Heute zeigen internationale Studien, dass vielfältig zusammengesetzte Teams innovativer arbeiten, bessere Entscheidungen treffen und langfristig erfolgreicher wirtschaften.

Dennoch sind Frauen in Verwaltungsräten, Aktionariaten und unternehmerischen Entscheidungsprozessen weiterhin unterrepräsentiert. Besonders auffällig ist dabei ein anderer Aspekt. Junge Frauen erhalten oft erst spät Einblick in unternehmerische Verantwortung.

Dabei entstehen viele Ideen gerade in den Jahren, in denen Lebensentwürfe, Werte und berufliche Perspektiven besonders stark im Wandel sind.

Mitbestimmung beginnt nicht erst in der Chefetage

Aus diesem Gedanken entstand die Jubiläumsinitiative 25 Future Voices.

Anlässlich ihres 25 jährigen Bestehens verschenkt die Sinn & Gewinn Hotels AG nicht Blumen, Jubiläumsbücher oder Erinnerungsstücke. Stattdessen erhalten 25 junge Frauen eine Aktie des Unternehmens.

Was zunächst symbolisch klingt, eröffnet einen ungewöhnlichen Zugang zu Unternehmertum. Die Teilnehmerinnen werden Aktionärinnen und nehmen an einem zweijährigen Entwicklungsprogramm teil. Sie erhalten Einblicke in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung, diskutieren strategische Entscheidungen und setzen sich mit Themen wie nachhaltigem Wirtschaften, sozialer Innovation und verantwortungsvoller Unternehmensführung auseinander.

Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie konsequent. Wer Verantwortung übernehmen soll, sollte sie nicht erst mit vierzig kennenlernen.

Der Verwaltungsrat der «Sinn & Gewinn Hotels» bei einem gemeinsamen Gruppenfoto. In der Mitte steht Irène Meier. – Bild Credits: ZVG

Die nächste Generation möchte mitgestalten

Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit dem Generationenwechsel. Die Generation Z fordert mehr Transparenz, mehr Beteiligung und mehr Sinn in der Arbeitswelt.

Gleichzeitig suchen Unternehmen nach neuen Wegen, Talente langfristig zu gewinnen und zu halten. Klassische Karrierepfade verlieren an Attraktivität. Gefragt sind echte Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Genau hier setzt 25 Future Voices an. Die Initiative versteht junge Frauen nicht als zukünftige Führungskräfte, sondern als Stimmen, die bereits heute einen wichtigen Beitrag leisten können.

  • Aus Mentoring wird Mitbestimmung.
  • Aus Zuhören wird Mitreden.
  • Aus Förderung wird Beteiligung.

Moderne Führung entsteht im Dialog

Auch innerhalb der Hotelgruppe zeigt sich dieser Wandel.

Mit einer Co Direktion setzen die Sinn & Gewinn Hotels auf ein Führungsmodell, das Verantwortung bewusst teilt. Unterschiedliche Perspektiven werden nicht als Hindernis verstanden, sondern als Stärke. Gerade in einer wachsenden Organisation schafft dieses Modell Stabilität und ermöglicht gleichzeitig Agilität.

Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Unternehmensgeschichte.

Eine Geschichte, die vor fast 150 Jahren begann

Die Idee, Frauen Perspektiven zu eröffnen, reicht sogar weit über die Gründung der Hotelgruppe hinaus.

Die Hotelimmobilien gehören der Stiftung compagna conviva. Ihre Wurzeln liegen im Verein Freundinnen junger Mädchen aus dem 19. Jahrhundert. Seit beinahe 150 Jahren engagieren sich Frauen für Frauen. Die Sinn & Gewinn Hotels führen dieses gesellschaftliche Engagement heute in einer zeitgemässen Form weiter.

Vielleicht braucht die Wirtschaft genau solche Geschichten

In einer Zeit, in der über nachhaltiges Unternehmertum, Female Leadership und gesellschaftliche Verantwortung intensiv diskutiert wird, zeigt die Zürcher Hotelgruppe, dass all diese Begriffe mehr sein können als Schlagworte.

Social Entrepreneurship bedeutet hier nicht Verzicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Es bedeutet, Erfolg anders zu definieren.

Nicht der grösstmögliche Gewinn steht im Mittelpunkt, sondern die grösstmögliche Wirkung.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft dieses Jubiläums. Zukunft entsteht dort, wo Unternehmen bereit sind, Verantwortung zu teilen. Wo junge Menschen nicht erst eingeladen werden, wenn Entscheidungen längst getroffen sind. Und wo wirtschaftlicher Erfolg zum Ausgangspunkt wird, um Chancen für andere zu schaffen.

Es sind Geschichten wie diese, die zeigen, dass die Zukunft der Wirtschaft nicht nur digitaler oder nachhaltiger wird. Sie wird menschlicher.

Sommerparty (Schneiders Music) – Bild Credits: ZVG

Weitere Informationen:
https://www.sinnundgewinn.ch/jubilaeum/